Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V.

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FAQ

Die folgenden Fragen und Antworten ersetzen keine qualifizierte psychologische Beratung oder ein Beratungsgespräch mit Lehrkräften. Dennoch geben sie weiter, was wir aus zahlreichen Einzelfällen an Erfahrungen zusammen getragen haben.

1.      Woran merke ich, dass mein Kind hoch begabt ist?

Hoch begabte Kinder unterscheiden sich von anderen Kindern nur durch das Ausmaß ihrer Intelligenz. Sie sind schüchtern oder vorlaut, frech oder brav, mutig oder ängstlich, sportlich oder musikalisch wie alle anderen Kinder auch. Mit anderen Worten: sie sind eigentlich ganz normal.

Und trotzdem verblüffen manche Kinder ihre Umgebung z.B. durch ein besonders gutes Gedächtnis. Manche Kinder beschäftigen sich in sehr frühem Alter – das kann durchaus zwischen dem 1. und 2. Lebensjahr beginnen – mit Zahlen und Buchstaben und einige von ihnen lernen auch sehr schnell lesen und rechnen. Es gibt Kinder, die interessieren sich buchstäblich für alles und fragen ihre Eltern Löcher in den Bauch. Manchmal fragen sehr junge Kinder nach komplexen Zusammenhängen oder existentiellen Dingen, wie dem Tod oder dem Sinn des Lebens. Dies alles können Anzeichen für eine mögliche Hochbegabung sein, wobei die Betonung auf „können“ und nicht auf „müssen“ liegt.

2.      Wann und ab welchen Alter ist ein Test sinnvoll?

Dazu gibt es auch in der Wissenschaft durchaus unterschiedliche Meinungen. Wir raten zu Tests, wenn die Eltern oder auch andere Personen Probleme mit dem Kind haben und die Eltern die Vermutung äußern, das Kind könne überdurchschnittlich intelligent sein. Auch wenn eine Entscheidung ansteht, wie z. B. eine vorzeitige Einschulung oder das Überspringen einer Klasse, kann ein Test sinnvoll sein. Normalerweise braucht man dafür eigentlich keinen Test. Wenn aber die Eltern selbst sehr unsicher sind, halten wir einen Test für sinnvoll.

Je jünger das Kind getestet wird, desto undeutlicher ist das Testergebnis, hängt es doch auch sehr stark von der Befindlichkeit des Kindes am Testtag statt. Wenn Kinder sehr früh getestet werden sollen, also z.B. mit 4 Jahren, frage ich die Eltern immer: „Was ändert sich für Sie durch den Test? Werden Sie Ihr Kind anders behandeln, wenn Sie wissen, dass es hoch begabt ist oder eben doch nicht?“

3.      Welche Stellen in Baden-Württemberg können Sie für einen Test empfehlen?

Es würde jetzt zu weit führen, wenn wir alle Teststellen in Baden-Württemberg aufzählen würden. Es gibt allerdings einige Kriterien, an die sich Eltern halten können, wenn sie eine Teststelle suchen. Nur ausgebildete Diplom-Psychologen sollten die Tests durchführen. Und die Diplom-Psychologen sollten Erfahrungen mit dem Umgang mit hochbegabten Kindern haben. Es sollte immer ein Vorgespräch mit den Eltern geben und nach dem Test ein Auswertungsgespräch, am besten natürlich ein schriftliches Gutachten. Wenn die Eltern eine genaue Diagnose brauchen, sind Gruppentests ungeeignet.

4.      Ab welchen IQ gilt ein Kind als hoch begabt?

Eine Hochbegabung ist selten: nur zwei bis drei von 100 Kindern sind hoch begabt. Das heißt bei einem Intelligenztest haben rund zwei Prozent aller Kinder einen IQ über 130 und gelten damit als hochbegabt.

5.      Gibt es andere Möglichkeiten, besondere Intelligenz festzustellen als einen klassischen Intelligenztest?

Eigentlich nein, denn nur eine genaue Diagnostik durch einen Test gibt ein genaues Ergebnis. Checklisten, anhand derer Lehrer oder Eltern erkennen sollen, ob das Kind hochbegabt ist, bieten wirklich nur erste Hinweise. Oft bleiben echte „Underachiever“, das sind Kinder, die trotz ihrer hohen Intelligenz nicht die erwartete Schulleistung erbringen, unentdeckt. Also wenn Zweifel bestehen, kommt man um einem Test nicht herum, der gerade aber den hochbegabten Kindern meistens viel Spaß macht. Wir hören hinterher oft die Reaktion der Kinder: „Da möchte ich jetzt immer hin. Hier war´s richtig interessant!“

6.      Was tun, wenn sich eine besondere Begabung herausstellt?

Bitte keine Etiketten wie „hochbegabt“ ans Kind heften! Jedes Kind ist anders und gerade die hochbegabten brauchen dann eine besondere Beratung, was nun für dieses spezielle Kind gut ist. Einem Kind, dem in der Schule immer langweilig ist und das wirklich mehr wissen möchte, mag man vielleicht zum Überspringen einer Klasse raten. Auch bei der Wahl der weiterführenden Schule ist eine genaue Überlegung angebracht und man wird eher ein Gymnasium mit einem hohen Leistungsanspruch wählen als eine Schule, der vor allem die Förderung schwächerer Kinder am Herzen liegt.

 

Wir meinen, dass die Förderung hauptsächlich durch die Schulen erfolgen müssen und fordern das immer wieder ein. Zu glauben, eine Hochbegabtenförderung könne nachmittags mit besonderen Kursen stattfinden, ist falsch, denn Kinder, die morgens nicht gefordert werden, können auch nachmittags keine Leistung erbringen. Diese Kinder wollen auch am Nachmittag einfach nur Kind sein. Wir warnen davor, diese Kinder mit zu vielen Extrakursen zu belasten.

 

Der Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V. (LVH) fordert schon lange den Ausbau eines Beratungsnetzes für hochbegabte Kinder, denn mit der Diagnose „Hochbegabung“ ist es nicht getan. Bei der schulischen Beratung liegt hier in Baden-Württemberg noch vieles im Argen. Wir würden uns eine kontinuierliche Begleitung der hochbegabten Kinder durch die Schulen wünschen, denn für sie stellen sich viele Fragen anders. Wie soll z.B. die Berufsberatung eines 16jährigen Abiturienten aussehen, der zwei Klassen übersprungen hat? Damit und mit anderen Fragen werden die hochbegabten Kinder bei uns häufig noch allein gelassen. Der LVH versucht die Eltern in diesen Fragen kompetent zu beraten; wir meinen aber, dass dies Aufgabe des schulischen Bereichs ist. Eine individuelle Förderung erfolgt vor allem im Gymnasium noch immer viel zu selten.

7.      Was passiert, wenn die Begabung unerkannt bleibt?

Es gibt leider viele Menschen, deren Begabung nie erkannt wurde. Wir treffen sie immer wieder in Berufen an, die keine akademische Qualifikation verlangen, wo sie manchmal Überdurchschnittliches leisten. Manche werden aber auch nie glücklich in ihrem Beruf, sind mit ihrer Arbeitswelt und sonstiger Umgebung unzufrieden und wissen eigentlich nicht warum.

 

Eine hohe Begabung setzt sich eben nicht immer von selbst durch, wie viele Leute früher dachten. Wird sie nicht erkannt und dadurch auch nicht gefördert, kann aus dem hohen Potential keine Leistung erwachsen. In dramatischen Fällen werden die Kinder als verhaltensgestört, hyperaktiv oder gar schlecht erzogen abgestempelt. Dabei ist ihnen selbst nicht bewußt, dass sie so  begabt sind!

8.     Muss das Kind einen Intelligenztest machen, wenn es eine Klasse überspringen soll?

Kinder, die in ihren schulischen Leistungen ihren Klassenkameraden weit   voraus sind, wechseln häufig ohne Intelligenztest in die nächsthöhere Klasse. Ein IQ-Test ist  also keine Voraussetzung für das Überspringen, stellt er doch nur einen Mosaikstein in der  Persönlichkeit des Kindes dar. Wochen- oder gar monatelanges Warten auf die Durchführung des IQ-Tests verschleppen manchmal Entscheidungen, die kurzfristig getroffen werden müssten. Sind sich Eltern und Schule über die Erfolgsaussichten eines Überspringens nicht einig, ist es sicherlich am sinnvollsten die Entscheidung für oder wider das Überspringen in einer Runde aller „Betroffenen“ (also den Eltern als Vertreter des Kindes, der abgebenden und eventuell aufnehmenden Lehrerin, der Schulleitung, evtl. der Begabtenbeauftragten des Schulamts) zu erörtern.

9.    Was muss ich beachten, wenn das Kind eine Klasse überspringen soll?

Suchen Sie als Eltern immer als erstes das Gespräch mit der Klassenlehrerin. Sollte das Ergebnis Sie nicht zufrieden stellen, wenden Sie sich an die Begabtenbeauftragte des für Ihre Grundschule zuständigen Schulamtes. Stellen Sie mit ein oder zwei Sätzen einen schriftlichen formlosen Antrag an die Klassen- und Schulleitung.

Das Kind muss zum Zeitpunkt des Überspringens noch nicht das Niveau der nächsthöheren Klasse erreicht haben. Allerdings sollte sein bisher gezeigtes Leistungsvermögen und sein Lernverhalten darauf hinweisen, dass es den bisher nicht gelernten Stoff beschleunigt nachholen kann.

10.    Kann ein Überspringen in der Grundschule eine spätere Empfehlung für das Gymnasium gefährden?

In der Grundschulversetzungsordnung ist das Überspringen von Klassen während der Grundschulzeit geregelt. Danach kann ein Kind auch nach der 3. Klasse in das Gymnasium wechseln, wenn es das Ziel der Abschlussklasse der Grundschule erreicht hat, bzw. es kann im Laufe der 3. Klasse noch in die 4. Klasse wechseln. Wenn das Kind aufgrund des erst kurz zuvor erfolgten Überspringens in Klasse 4 nicht den Notendurchschnitt für eine Gymnasialempfehlung erreicht, bzw. wenn überhaupt noch keine Noten aus Klasse 4 vorliegen, können sich die Grundschulen und die Eltern aus die Aufnahmeverordnung des Kultusministeriums §4 beziehen. Danach kann eine Empfehlung für das Gymnasium ausnahmsweise auch dann ausgesprochen werden, wenn das Kind den Notendurchschnitt von mindestens 2,5 nicht erreicht hat, aber seine bisherige Entwicklung erwarten lässt, dass es den Anforderungen des Gymnasiums entsprechen wird. Und davon muss bei einem hochbegabten Kind, das eine Klasse übersprungen hat, ausgegangen werden!

11.   Wie groß ist die Gefahr, dass das Überspringen wieder rückgängig gemacht wird?

Im August 2002 hat der Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V. (LVH) unter seinen Mitgliedern mit bereits schulpflichtigen Kindern u.a. auch zum Schulverlauf hoch begabter Kinder eine Umfrage durchgeführt. In dieser Umfrage wurden in 217 Familien  164 Überspringervorgänge erfasst. Davon wurden in 10 Fällen (6,1%) innerhalb der dem Überspringen folgenden 12 Monate das Überspringen wieder rückgängig gemacht. Bei den 147 Überspringern von Grundschulklassen erfolgten acht Rückversetzungen (5,4%), auf die 17 Überspringer im Gymnasium entfielen zwei Rückversetzungen (12%).

Die Erfahrungen haben gezeigt, dass ein Überspringen umso gelungener vonstatten ging, je sorgfältiger es von allen Beteiligten vorbereitet wurde. Eine tragende Rolle kommt der aufnehmenden Lehrkraft zu und ihrer Bereitschaft, das ‚neue’ Kind wohlwollend und optimistisch zu begleiten.