Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V.

Hingucker

Stellungnahme des LVH-Vorstands zur aktuellen Schulpolitik in Baden-Württemberg, 26. März 2012

 

Nach über 60 Jahren einer CDU-geführten Landesregierung ist Baden-Württemberg reif für einen Wechsel, dieser Meinung waren letztes Frühjahr die Mehrheit der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Vor allem in der Schulpolitik hatte sich bei Pädagogen und Eltern Frust aufgebaut, da sich inzwischen ein Reformstau gebildet hatte, der sich in halbherzigen Versuchen, z.B. in der Gründung der Werkrealschulen, erschöpfte. Die neue Landesregierung, allen voran die Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer, ist nun emsig dabei, ihr eigenes Konzept den Eltern schmackhaft zu machen. Wir fragen uns allerdings, ob der derzeitige Aktionismus angebracht ist.


Welches sind die wichtigsten Änderungen:

 

  • Die Grundschulempfehlung entfällt ab sofort, stattdessen soll in ausführlichen Gesprächen zwischen Lehrerin und Eltern die beste Schulform für das Kind gefunden werden.
    Wir halten diese Regelung für positiv. Wir glauben nicht, dass die Gymnasien jetzt überproportionalen Zulauf haben werden. Eltern wissen sehr wohl, was ein Versagen auf dem Gymnasium für das Kind bedeuten kann und werden auch ohne staatliche Bevormundung die beste Schulform finden. Daher befürchten wir nicht, dass der Wegfall der Grundschulempfehlung zu einer Niveauabsenkung im Gymnasium führen wird. Wir werden jedoch die Entwicklung genau beobachten und unsere Stellungnahme gegebenenfalls revidieren.

  • Die Wiedereinführung des 9-jährigen Zuges an 44 Gymnasien innerhalb der nächsten zwei Jahre soll der Unzufriedenheit vieler Eltern mit den Anlaufschwierigkeiten des G8-Zuges Rechnung tragen. Auch einige Eltern im LVH wünschen sich den alten G9-Zug zurück, bot der alte Turbo-Zug doch unseren Kindern die Möglichkeit, mit anderen Hochbegabten und Hochleistern quasi einen HB-Zug light zu durchlaufen. Wir halten die Rückkehr zum G9-Zug jedoch für einen Fehler. Mit der geplanten Gemeinschaftsschule bietet sich bereits vielen Kindern die Möglichkeit, nach 9 Jahren das Abitur zu absolvieren, genauso wie es bisher auf den beruflichen Gymnasien der Fall war. Eine Rückkehr zur alten Struktur zeugt außerdem von wenig Kenntnis des Schulalltags. Für viele Gymnasien waren die parallel laufenden G8- und G9-Züge vor allem eines: ein gewaltiger organisatorischer Aufwand. Die meisten Gymnasien sind froh darüber, dass jetzt mit Ende des Doppeljahrgangs Ruhe einkehrt und wünschen sich kein Zurück. Wir fordern vielmehr einen Ausbau der Binnendifferenzierung sowie der individuellen Förderung im G8-Zug. Von der Möglichkeit, gleichzeitig zwei Lehrkräfte in einer Schulklasse unterrichten zu lassen, sollte verstärkt Gebrauch gemacht werden.

  • Das Kernstück: Die Gemeinschaftsschulen. Sie sollen allen Anforderungen gerecht werden, alle Kinder vom Hauptschüler bis zum Hochbegabten aufnehmen und ihnen beste Startchancen bieten. Voraussetzung ist jedoch eine echte Binnendifferenzierung, sowohl innerhalb der Klassen wie auch in einzelnen Leistungsgruppen pro Jahrgangsstufe. Da dies wieder zu einer politisch ungewollten Selektion führen würde, sind wir skeptisch, was die konkrete Umsetzung betrifft. Echte Binnendifferenzierung kann nur mit einem hohen pädagogischen Aufwand erfolgreich betrieben werden, will man die leistungsfähigeren Kinder nicht als Nebenlehrer missbrauchen. Wir befürchten, dass die Gemeinschaftsschule für begabte und hochbegabte Kinder keine Alternative sein kann und fordern ganz klar die Beibehaltung der Gymnasien in ihrer bisherigen Form.